Der Morbus Menière ist nach heutigem Wissen eng mit einer Störung von Bildung, Transport und Wiederaufnahme der Endolymphflüssigkeit im menschlichen Innenohr verknüpft. Der von einer Haut umfasste Endolymphraum liegt dabei im Zentrum von Hör- und Gleichgewichtsorgan, führt über einen Kanal aus diesem heraus und mündet in einer Tasche der harten Hirnhäute. Diese ist außerhalb des Felsenbeinknochens in der großen Schädelhöhle gelegen.
Treten anfallsartig die drei Symptome: Schwindel, Ohrgeräusch und Hörminderung auf, spricht man von der Menière' schen Krankheit (Morbus Menière), in über ¾ der Erkrankungen findet sich jedoch nur eine oder zwei dieser Symptome, so dass der Begriff Endolymphstörung (ES) umfassender und klarer erscheint. Die Ursachen und Wege der Krankheitsentstehung sind nicht vollständig geklärt.
In der Praxis von Untersuchung und Behandlung der ES stehen die Naturheilverfahren (NHV) neben den konventionellen Methoden und der Psychotherapie (incl. Retraining Therapie) in einem System von Überlappung und Ergänzung .
Die Ernährungstherapie und Pflanzenheilkunde der NHV finden sich identisch in konventionellen Behandlungsansätzen oder ähneln z.B. der modernen Medikamentenbehandlung. Die (Lebens-) Ordnungstherapie der Naturheilkunde bedient sich häufig Methoden der modernen Psychotherapie. Beide haben die Ressourcenstärkung der betroffenen Menschen zum Ziel. In manchen Bereichen gehen die NHV aber auch eigene Wege - dieser Beitrag möchte die Endolymphstörungen (ES) aus dem Blickwinkel der Naturheilkunde darstellen und die sich so ableitenden Behandlungsmethoden in ihrem Prinzip veranschaulichen.
Um den Behandlungsansatz der NHV verstehen zu können, ist es sinnvoll einen Blick auf das Endolymphorgan und seine Vernetzung innerhalb von Kopf und übrigem Körper zu werfen. Hier fällt zunächst die direkte Verbindung des Endolymphsacks zu den harten Hirnhäuten via Endolymphkanal auf. Diese reichen als ein einheitliches großes Organ vom Kopf bis zum Steißbein und stellen durch ihre unelastische Beschaffenheit eine Verbindung zum gesamten Bewegungsapparat, bestehend aus Schädelknochen, Wirbelsäule, Extremitäten, Gelenken, Sehnen und Muskeln, her.
Ferner liegt der Endolymphraum mit dem gesamten Hör- und Gleichgewichtsorgan im Felsenbein, einem Knochen, der Teile der Schädelbasis bildet. Die Lymphflüssigkeit dieser Region fließt ebenso wie die der anderen Kopforgane (Mandeln, Zähne, Nasennebenhöhlen etc.) durch die Lymphknoten in den Kieferwinkel und via Hals in den Brustraum. Neben dieser engen räumlichen Beziehung zählt der Endolymphsack zum sog. Schleimhaut-assoziierten-Immunsystem von Kopf- und Bauchraum. Diese Immunfunktionen haben ihm auch den Namen „Ohrmandel“ eingebracht hat. Eine Häufung von ES bei Nahrungsmittelallergien ist belegt und unterstreicht diese funktionelle Vernetzung.
Nicht an körperliche Strukturen gebunden, deshalb aber nicht minder existent ist die seelische Vernetzung. Abhängig von der individuellen Beschaffenheit eines Menschen wirken seelische Belastungen auch auf alle Teile des Körpers ein. Sie bewirken häufig zunächst ohne, dass es uns bewusst wird Veräderungen des Immun- und Lymphsystems, ebenso wie solche des Bewegungsapparates. Gestörtes Gleichgewicht und Verkrampfung sind ja ohnehin Begriffe, die wir in unserer Sprache für körperliche, wie seelische Phänomene verwenden.
Diese starke Vernetzung des Endolymphraumes innerhalb des Körpers aus Sicht der NHV erklärt, dass eine Vielzahl verschiedener Behandlungsansätze existiert. Alle Ursachen einer ES müssen in Betracht in Betracht gezogen und beim Betroffenen untersucht werden. In der Reihenfolge ihrer Bedeutung für die spätere naturheilkundliche Behandlung umfasst eine vollständige Untersuchung daher zunächst die umfassende Erhebung der Krankengeschichte und klinische HNO-ärztliche Untersuchung (mit Hörprüfungen). Praktisch immer finden sich hier erste zielrichtende Hinweise auf verursachende Störungen. Nächster unverzichtbarer Schritt ist die zahnärztliche Untersuchung auf chronisch-bakterielle Entzündungen (Herderkankungen) von Zähnen und Kieferknochen nebst Funktionsprüfung von Kiefergelenk und Aufbissverhalten (Okklusion). Letztere besitzen Bedeutung für die Funktion des obersten Halswirbelsäulengelenks und seiner Verbindung zum Kopf. Die orthopädische Untersuchung gibt Aufschluss über die Funktion der Hals-Brust- und Lendenwirbelsäule des Beckens und der Hüftgelenke. Das feine Zusammenspiel von Schädelknochen, harten Hirnhäuten und übrigem Bewegungssystem kann in der kraniosakralen Osteopathie, einer manuellen Spezialmethode untersucht und behandelt werden. Immunologische Veränderungen im Lymphsystem können mittels laborchemischen Untersuchungen im Blut nachgewiesen werden, ebenso Belastungen mit Umweltschadstoffen und Schwermetallen, die das Immunsystem beeinträchtigen. Über die genauen Ursachen von Immunstörungen ist noch wenig bekannt, dies gilt auch für den Nachweis erhöhter Schwermetallwerte, deren Bedeutung gegenwärtig heftig diskutiert wird.
Die Untersuchungen bei ES haben somit im wesentlichen die Nachbarorgane, nämlich einerseits das Lymph- und Immunsystem von Kopf und Hals, und andererseits den Bewegungsapparat zum Ziel.
Ebenso vielgestaltig wie die Untersuchungsmethoden ist die Behandlungspraxis. Hier existiert zudem eine gewisse Hierarchie innerhalb der Methoden. So kommt der Behebung chronisch entzündlicher Prozesse an Kopf und Hals hervorragende Bedeutung zu. Jede therapeutische Bemühung bleibt erfolglos oder hat eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes zur Folge solange Herderkrankungen in z. B. Mandeln od. Zähnen vorliegen. Durchaus schwierig ist dabei die Entscheidung, ob eine chirurgische Behandlung anzuraten ist, oder ob konservativ therapiert werden kann. Nur erfahrene ÄrztInnen mit umfangreicher Ausbildung sollten hier entscheiden. Dies gilt insbesondere, wenn Befunde von Testmethoden wie Elektroakupunktur, Kinesiologie und Thermographie in den Entscheidungsprozeß mit einbezogen werden. Nie sollte eine therapeutische Entscheidung von Einzelbefunden dieser Testmethoden abhängig gemacht werden.
Große Bedeutung besitzt weiter die Behandlung des Bewegungsapparates, hier reichen die Methoden von der manuellenMedizin über die Krankengymnastik und medizinischen Trainingstherapie. Reflextherapien wie Neuraltherapie, Akupunktur, Triggerpunktinfiltration spielen ebenso eine Rolle, wie die Übungsverfahren (z.B.: Feldenkrais, Postisometrische Relaxation, etc.). Mir hat sich eine Kombination aus kraniosakraler Osteopathie, Akupunktur und dem Somatics-Programm bewährt. Eine wichtige Rolle spielt in der Behandlung des Bewegungsapparates die Funktion des Kiefergelenks, da es steuernd auf die Funktion der gesamten Wirbelsäule einwirkt. Hier können eine therapeutische Aufbißschiene, Akupunktur und Krankengymnastik die Zeit bis zu einer funktionellen Sanierung des Kauorgans überbrücken.
Aus der alten Naturheilkunde stammen die Verfahren zur Lymphbehandlung, die an Kopf und Hals sehr wirksam sind. Das Cantharidenpflaster mit dem Gift der spanischen Fliege, Schröpfen mittels kleinen Sauggläsern sind ebenso wie neuraltherapeutische Injektionen und Akupunktur Mittel zur schnellen Entlastung der Lymphbahnen. Schließlich kommen Pflanzenstoffe wie das Picrotoxin der Kokkelskörner oder der Ingwer als pflanzliches Arzneimittel oder homöopathischer Potenzierung zur Anwendung, um direkt auf die Bildung und Resorption der Endolymphflüssigkeit einzuwirken. Auf diese Wirkung zielt auch die Ernährungstherapie in Form der Kochsalzkarenz und der proteinfreien Abendmahlzeit ab. Schließlich kann die Anwendung von Lokalanästhetika im Mittelohr ebenfalls als neuraltherapeutische Behandlung angesehen werden, sie ist ebenfalls als ein konventionelles Verfahren beschrieben.
Abb.3 Methodenspektrum der Naturheilkunde bei M. Menière
Bleibt noch den Blick auf die seelischen Behandlungsaspekte zu werfen. Aus der traditionellen Naturheilkunde Chinas ist das Krankheitsbild der ES dem Element Erde zugeordnet, das den Bezug zu den Körperstrukturen Bindegewebe, Milz, Magen herstellt. Hier führen Störungen zu Stauung, Stillstand, Überlastung des Integrationsvermögens und seelisch drückt sich dies in einem Verlust von „Mitte“ und leiblicher Integrität aus. All diese seelischen Dimensionen gilt es im therapeutischen Prozess stets im Auge zu behalten, auch wenn sich die Behandlung rein körperlich abspielen sollte. Fragen wie: “Kann ich alles verdauen, was ich schlucke?“ oder „Entscheide ich noch frei über das, was sich in meinem Leben abspielt?“, „Bin ich im Gleichgewicht“?, „Höre ich auf das, was mein Körper mir sagt?“ sind Fragen, die bewusst in Gesprächen oder während Entspannungsphasen assoziativ bearbeitet werden können.
Zusammenfassend kann die Anwendung von NHV in der Behandlung der Menière’schen Krankheit und verwandter Endolympstörungen als ein Feld zahlreicher Methoden für Diagnostik und Behandlung bezeichnet werden. In einem modernen integrierten Behandlungskonzept hat sie ihren Platz neben den konventionell-medizinischen und psychotherapeutischen Verfahren. Die NHV bringen Individualisierung und Ressourcenmobilisation in das Gesamtkonzept ein, welche bei den betroffenen Menschen auf ein hohes Maß an Akzeptanz treffen. Sie nehmen die Behandlung in ihrer körperlichen und seelischen Dimension als angenehm und förderlich wahr. Es gelingt so eine starke Identifikation mit dem Behandlungsprozess, der bei dem Bemühen hilfreich ist, Betroffene zu ihrer leiblich-seelischen Mitte zurückzufinden zu lassen. So kann Gleichgewicht wieder als Zustand des Ganzen empfunden werden, sowohl in seinem seelischen wie körperlichen Aspekt.